Warum eigentlich immer so rum?
An einem dieser Sonnenaufgänge, die sich wie ein kleines Privatuniversum anfühlen, sitze ich im Freien und genieße einen frischen Kaffee. Nichts kommt an diesen goldenen Glanz am Horizont gleich. Die kühle feuchte Luft weicht einer schleierfeinen Wärme die sich auf meinem Gesicht niederlässt, der Liegestuhl leicht klamm, die Tasse heiß in den Händen. Ich schließe meine Augen und die Gedanken treiben ungetrieben über unsere Welt und bringen ein Lächeln des Staunens mit sich.
Scham. Welch seltsamer Begriff einer kollektiven und anpassbaren, sozialen Gewalt, die je nach Mode anders angewandt und verursacht wird. Sie bleibt wie Splitter einer eingetretenen kleinen höchst privaten Tür, im Fleisch der Opfer stecken und die Umwelt erinnert fleißig an die Wunde, indem sie gerne nachbohrt. Veröffentlicht jemand private Bilder, wird die Scham dem Körper zugeschoben, der Nacktheit, der Sexualität. Nicht dem, der die Privatgrenze überschritt. Hat man sich nicht innerhalb gesteckter Normen verhalten, wird man als Verursacher sehr wohl adressiert. Man ist dann Täter&Opfer zugleich: Auslöser der Entrüstung und Träger der zugeschobenen Scham. Gerne agieren andere, dem Opfer sozial nahe genug stehende vor allem, als gehe von Scham eine Kontaminationskraft aus, die auch ihnen schaden könnte. Das ist althergebracht, doch längst nicht mehr nötig im Zeitalter der Aufklärung. Denn Scham lähmt tendenziell mehr denn sie antreibt. Sie verkünstelt wo Natürlichkeit selbst kein Problem war, nur der Rahmen in dem sie sichtbar wurde. Also verhilft sie zu Ersatzverhalten statt natürlichem Agieren. Weit genug getrieben, wird man selbst zum Mosaik schamloser und gegenteiliger Zonen, paradoxerweise ist die Bedeutung diametral ihrer Begrifflichkeit zu verstehen. Sogar Intimzonen werden zur Scham, das wirkt entlarvend, denn es gibt auch hier nichts zu schämen.
Man soll sich aber schämen. Man soll beschämt sein.
Die Gründe wechseln wie die Generationen. Früher weil eine Partnerschaft endete, weil man sich nicht reproduzieren kann, weil man nicht lesen kann und vieles mehr. Heute sind es mal wieder, klassisch weil man nicht dem Schönheitsideal entspricht, weil man zu viel oder zu wenig Traditionen und Erwartungen erfüllen mag. Weil man keine Beziehung zu einer Religion entwickelt erlebt ein ungeahntes Revival. Gerade die Religion meines Kulturkreises, das Christentum, wirft auch so erstaunliche Widersprüche auf. Ein Gott, der selbst sagt, dass er kein Geschlecht hat, wird männlich präsentiert. Wird diese Männlichkeit als universelle Natürlichkeit gelesen, fallen ausschließlich männlichen Menschen Macht und Anspruch zu, Legitimation und Gewaltmonopol. Die Welt soll sich der Mensch untertan machen; praktischerweise liegt dann alles unter ihm . Ableitend ergaben sich gesellschaftlicher Führungsanspruch und Entscheidungsgewalt, Deutungshoheit und Wegweisung. Daraus entwickelt sich was sich immer entwickeln muss im Laufe der Zeit, Gewohnheit, Tradition, Kultur, vermeintliche Normalität der Dinge. Das Etikett spielt eigentlich keine Rolle, es macht schlicht bass staunen: Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, nicht wahr? Doch ein Moment, es scheint was verrutscht zu sein, denn eine Frau empfing Gott. Eine Frau ließ Gott in sich heranreifen. Eine Frau gebar Gott. Eine Frau nährte Gott. So stellt sich die Frage, wie man zu dem Schluss kommt, dass Mann Gott am nächsten stünde und zwar derart, dass man ihm gleich noch eine männliche Kontur in der Geschichte gibt? Nicht Gott ist das Problem, die als Natürlichkeit gelebte Auslegung ist es. Es wird Zeit. Die von Müttern und ihren Kindern bewohnte Welt, sollte sich nicht länger gegen das erwachsen werden wehren. Das schadet beiden Seiten.
So kommen und gehen noch allerlei weitere Gedanken. Warum man wohl den Mensch außerhalb der Natur liest. Wie es nur kommt, dass man denkt Bewusstsein sei mehr als ein Betriebssystem und wieso wohl keiner fragt, warum der älteste Trieb die größte Quelle von Konflikten noch immer ist. Einfach nicht ausgereift das Modell Mensch.
Die Tasse ist längst leergetrunken und ich blicke auf den Tisch neben mir. Bücher, Notizblock und ein aufgeschlagenes Magazin. „Ein wirklich intelligenter Mann muss an seinem Wesen verzweifeln, eine wirklich intelligente Frau an der Welt.“, so steht es dort geschrieben. Hm. Der Himmel dämmert der Dunkelheit entgegen. Schon wieder. Das ging viel schneller als erwartet. Jetzt aber ab mit mir ins Haus, das reicht. Hier draußen wird es kalt und ungemütlich.